Marcus Hook Roll Band - Tales From Old Grand-Daddy

Marcus Hook Roll Band - Tales From Old Grand-Daddy
Nur eingefleischte AC/DC-Jünger und Rockfans mit Jahrzehnte langer Hörerfahrung werden wissen, wer sich hinter dem mysteriösen Bandnamen MARCUS HOOK ROLL BAND verbirgt. Es ist vielleicht nicht fair, ständig die größte Rockband unseres Planeten mit diesem Album in Verbindung zu bringen, aber Fakt ist: Die AC/DC-Gitarristen Angus und Malcolm Young haben auf “Tales From The Old Grand-Daddy” ihre ersten Gitarren-Spuren hinterlassen. Damit waren sie an einem Album beteiligt, das nicht immer völlig überzeugen kann, aber sehr abwechslungsreichen, frühen Rock mit einigen Ohrwürmern bietet.

Eigentlich war die MARCUS HOOK ROLL BAND das erste Projekt von Harry Vanda und George Young, die später zusammen THE EASYBETS gegründet haben und bei einigen frühen AC/DC-Alben als Produzenten tätig waren. Zusammen mit den beiden jüngeren Young-Brüdern und je zwei Drummern, Saxophonisten und Bassisten (von denen einer zudem das Piano übernahm) verschanzten sie sich in den frühen Siebzigern für einen Whiskey-geschwängerten Monat im Studio und spielten das erste und einzige Album “Tales From Old Grand-Daddy” ein.

Dass es vor allem um den Spaß an der Sache ging, hört man der Scheibe im positiven Sinne an - die Songs sind locker, aber nicht schludrig, der Abwechslungsreichtum hoch, aber nicht zu gewaltig, der Sound überraschend klar und professionell, aber nicht glatt. Bis auf Angus, der zu diesem Zeitpunkt noch zu jung war und auf Milch ausweichen musste, schossen sich die Beteiligten so dermaßen mit dem titelgebenden Jim Beam ab, dass heute niemand mehr genau sagen kann, wer eigentlich was eingespielt hat. Das Album lädt also zu einer spannenden Entdeckungsreise ein: Wer hat die Slide-Gitarre gespielt, an die sich niemand mehr erinnern kann? Welche Leads könnten tatsächlich von Angus stammen? Welche Ideen wurden später für AC/DC-Songs übernommen?

Zumindest die letzte Frage können stellenweise Wikipedia und die eigenen Ohren klären: “Natural Man” lieferte ohrenscheinlich die Vorlage für “Live Wire”, während das Hauptriff von “Quick Reaction” sich in “T.N.T.” wiederfindet.  Das Songwriting ist recht typisch für die frühen Siebziger und schwankt vom Härtegrad zwischen sehr zahm und poppig bis rifflastig und düster, Saxophon und Piano gehörten zum guten Ton. So ist der Opener “Can’t Stand The Heat” ein Saxophon-geprägter Ohrwurm ohne großen Härtegrad, während “Goodbye Jane” von einer Pianolinie und schon etwas deutlicher zu hörenden Gitarren getragen wird. Ein richtiger Gute-Laune-Song ist “Quick Reaction”, dessen Refrain direkt ins Ohr geht, ziemlich krank dagegen tönt “Ape Man”, bei dem man sich wunderbar Malcolm vorstellen kann, wie er Affenlaute ins Mikro röhrt. Ungewöhnlich auch das hinterlistige “People And The Power” mit seiner prägenden Basslinie und rebellischer Atmosphäre. Der Chorus wird im rockigen “Red Revolution” nochmals aufgenommen. Mein persönliches Highlight ist jedoch die bluesgetränkte Ballade “Silver Shows & Strawberry Wine”, deren langsames, intensives Gitarrensolo ich definitiv Angus zuschreiben würde. Auch das zweite Solo im melancholischen, langsamen Herzensbrecher “Cry For Me” könnte von dem kleinen Teufel in Schuluniform stammen.

Die Neuauflage anlässlich des 40. Jubiläums beinhaltet neben den zehn Songs des regulären Albums alle (ebenfalls sehr hörenswerten) B-Seiten der damals veröffentlichten Singles sowie zwei bisher unveröffentlichte Nummern: “One Of These Days” und “Ride Baby Ride”. Wer die Ursprünge von AC/DC entdecken möchte, kommt um die MARCUS HOOK ROLL BAND ebenso wenig herum wie nostalgische Rocker oder diejenigen, die seit Jahren auf der Suche nach diesem Schätzchen sind.

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