My Boy - The Philip Lynott Story

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Link: http://www.thin-lizzy.com
http://www.hughesbooks.com
Es wurden viele Bücher über PHIL LYNOTT und THIN LIZZY geschrieben. Manche berufen sich nur auf Fakten, manche sind, um es mal vage auszudrücken, nur der Geldmacherei wegen erschienen, und wiederum andere sind vom Inhalt her mehr oder weniger an den Haaren herbei gezogen. 
Bei „My Boy“ verhält es sich glücklicherweise anders und man kann getrost sagen, dass es sich hierbei um die Mütter aller PHIL LYNOTT Biografien handelt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Verfasserin dieses Werkes ist niemand geringeres als Philomena Lynott, die Mutter von Phil. 

Wer jetzt allerdings eine reine Biografie des Musikers erwartet, muss sich beim Lesen glücklicherweise erstmal etwas gedulden. Denn die Geschichte geht bereits vor Phils Geburt los. Seine Mutter beschreibt die sozialen Probleme des Nachkriegs Irland, in dem die katholische Kirche mit ihren strengen Geboten das Sagen hatte, und in dem die Menschen um Geld zu verdienen nach England „auswanderten“. Viele junge Mädchen machten sich auf den Weg zur Nachbarinsel, um überhaupt eine berufliche Chance zu haben. Und ein großer Teil von ihnen startete eine Affäre mit einem amerikanischen GI, die zu dieser Zeit noch haufenweise in GB stationiert waren. 
Genauso erging es Philomena, und aus der Affäre zu dem Amerikaner Cecil Parris, in den sie sich verliebte, ging eben jener Phillip „Parris“ Lynott hervor. Die Geschichte beschreibt weiter die Kindheit von Phil, und wie und warum er erst mit 4 Jahren seine Großeltern kennen lernte, und geht kurz auf seine Schulzeit ein. 
Auch hier nehmen die sozialen Probleme Irlands zu dieser Zeit einige Seiten in Anspruch. Ein Baby alleine großzuziehen, war in Irland zu dieser Zeit ein Skandal, aber ein schwarzes Baby alleine großzuziehen glich einer Schande. Das war eine ziemlich harte Zeit für Mutter und Kind, aber irgendwie sind sie nach jedem Schicksalsschlag immer wieder auf die Füße gefallen. Aber zu keiner Zeit stand für Philomena zur Debatte, ihren kleinen Philip zur Adoption freizugeben, was damals eine übliche Sache bei unehelichen Kindern war. 

Für den Musikfan wird es erst jetzt richtig interessant, obwohl ich sagen muss, dass mich das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Ab dem 4. Kapitel, welches dann auch treffenderweise „The Birth Of A Rocker“ genannt wurde, geht es dann mit dem musikalischen Werdegang los. Seine ersten Gehversuche auf der Bühne mit 14 Jahren und die Beschreibung der Dubliner Musikszene im Allgemeinen. Dies alles aus der Sicht seiner Mutter zu erfahren, zu der er bis zu seinem Tod ein sehr inniges Verhältnis hatte, ist eine ziemlich spannende Angelegenheit, da sie öfter zwischen ihrem Leben und dem ihres Sohnes hin und her springt, man dadurch aber auch die Verbundenheit und die Liebe zwischen den Beiden aus jeder Zeile herauslesen kann. 
Spannend ist es auch zu lesen, wie sie sich als Mutter und damit auch schärfste Kritikerin ihres Sohnes, mit den ersten Erfolgen, den ersten leichten Drogen und den Groupies auseinandersetzt. 
In der Besetzung Brian Downey, Eric Bell und Phil Lynott wurde das erste THIN LIZZY Album eingespielt. Und es gab heftige Auseinandersetzungen zwischen der Band und der Plattenfirma DECCA, die gegen den Willen der Musiker „Whiskey In The Jar“ zur ersten Single machten. Im Nachhinein ein Glücksfall, denn wer weiß, wie die erste Single mit einer Eigenkomposition in den Charts angekommen wäre. 
Dieses alte Irische Volkslied, hauptsächlich durch die rockige Umsetzung der Gitarrenparts durch Eric Bell, wurde in Irland zum Charterfolg (Platz 1), erreichte in den UK Charts Platz 6, und ebnete THIN LIZZY den Weg zum weiteren Erfolg.

Aber die Band an sich und ihre Geschichte ist in diesem Buch wirklich nur eine kleine Nebenstory, die aufgegriffen wird, wenn es der Inhalt irgendwie verlangt. „My Boy“ ist eigentlich eine Liebesgeschichte, keine Biografie. Viele Dinge, die man von Phil Lynott zu wissen glaubt, berufen sich oftmals auf schlecht recherchierte Presseberichte oder Sensations-Stories. Hier geht es wesentlich persönlicher zur Sache und vor allem glaubwürdiger. Und Philomena singt nicht nur Loblieder über ihren Sohn, sondern hält auch mit Kritik nicht hinter dem Berg. 
Auch hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sie die Möglichkeit, dieses Buch zu verfassen, genutzt hat, endlich ihr Herz zu öffnen und mit vielen Spekulationen über ihren Sohn einfach Schluss zu machen. Ihr ging es nicht darum, eine weitere Geschichte über THIN LIZZY zu verfassen. Sie wollte mit diesem Buch den Menschen Phil Lynott beschreiben, und das hat sie eindrucksvoll geschafft. 
Nach der Lektüre dieses Buches werden selbst die so genannten „Die Hard Thin Lizzy Fans“ viele Songtexte von Phil einfach ganz anders interpretieren, weil man jetzt weiß, was für Gedanken, Gefühle und Ereignisse wirklich dahinter steckten. 

Richtig traurig und ergreifend wird das Buch, als Philomena die letzten Tage ihres Sohnes beschreibt, ihre Hoffnung, dass sich alles noch zum Guten wenden wird, nachdem seine Nieren wieder angefangen hatten, selbständig zu arbeiten. 
Leider konnte diesem genialen Songwriter und Musiker aber selbst die beste Medizin und ärztliche Versorgung nicht mehr helfen, und am 04. Januar 1986 verstarb Philip Parris Lynott an den Folgen seines jahrelangen, exzessiven Drogenkonsums. 

„My Boy“ ist ein wirklich ergreifendes Buch, das sich weit von den gängigen Klischees von Sex, Drugs und Rock’n Roll bewegt, sondern sich auf die Erinnerungen und Gefühle der Person beruft, die Phil sein ganzes Leben lang am nächsten stand. „My Boy“ wurde bereits 1996 das erste mal veröffentlicht, leider ist aber niemals eine zweite Auflage in Deutsch erschienen, und Ausgaben dieser Auflage sind superschwer und wenn, dann nur total überteuert zu bekommen. 
Die englische Version, der auch diese Rezension zu Grunde liegt, ist aber wirklich einfach geschrieben und bringt einen nicht in Schwierigkeiten. Bestellen kann man „My Boy“ zum Beispiel online bei Hughes & Hughes (http://www.hughesbooks.com), einer Buchhandlungskette in Irland, die auch nach Deutschland verschicken. (tymas)

Wer sich für den Menschen hinter dem Rockstar Phil Lynott interessiert, sollte dieses Buch lesen, aber immer daran denken, dass es keine Biografie, sondern viel, viel mehr ist.