Slipknot - (sic)nesses (Doppel-DVD) Tipp



Stil (Spielzeit): Modern Metal (ca. 90 min + 45 min.)
Label/Vertrieb (VÖ): Roadrunner (24.09.2010)
Bewertung: 8/10

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Der Tod von Bassist Paul Gray war schockierend. Er fiel in eine Zeit, in der viel zu viele begnadete Musiker gestorben sind. Ein Ende ist leider nicht in Sicht, wie jüngst der tragische Tod von GOTTHARD-Sänger Steve Lee zeigte. Wie es mit SLIPKNOT nun weiter geht, wissen wohl nur die restlichen acht Bandmitglieder selbst. Als Vermächtnis und zu Ehren von Paul Gray haben sich die Musiker aus Iowa dazu entschlossen, die DVD "(sic)nesses" zu veröffentlichen. Das mag für manch einen viel zu schnell kommen und danach aussehen, als ob man aus dem Tod des Bassisten Kapital schlagen wolle. Wer einen solch großen Aufwand für das Aufnehmen eines speziellen Gigs (Download Festival 2009) betreibt, hat aber sowieso vor, das Material irgendwann zu veröffentlichen. Dass die Band diese Veröffentlichung nun auf Gray fokussiert, ist deshalb mehr als verständlich.

Die erste DVD enthält neben den "All Hope Is Gone"-Videos inkl. Making Of zu "Snuff" den kompletten Headlinerauftritt beim Download Festival 2009. Niemand hätte vor zehn Jahren gedacht, dass diese bekloppten Neun aus Amerika irgendwann einmal vor Zehntausenden von Leuten stehen würden, welche die Band gnadenlos abfeiern. Genau diese Tatsache macht den Auftritt (und auch die anderen Festivalgigs im letzten Jahr) zu etwas ganz besonderem. Trotz deutlicher musikalischer Weiterentwicklung, vermehrtem Einsatz von Melodien und einer deutlich breiteren Akzeptanz in der Öffentlichkeit sind SLIPKNOT nämlich nach wie vor alles andere als eine Mainstream-Band. Dass eine solche Truppe auf einer riesigen Bühne vor einem ausverkauften Platz steht, ist einfach beeindruckend. Das muss auch jeder, der die Jungs aus Iowa scheiße findet, respektvoll zugeben.

SLIPKNOT liefern eine energetische Performance ab, die eine grandiose Mischung aus Songs von "All Hope Is Gone" (nur das fantastische, herzzerreißende "Snuff" fehlt zum perfekten Glück) und den älteren Alben darstellt. Egal, ob der perfekte Einstieg mit "(sic)", Hymnen wie "Left Behind", "Wait And Bleed", "Duality" und "Before I Forget" (Gänsehaut!) sowie neue Tracks wie "Dead Memories" oder wohldosierte Pyros, die beeindruckende Erscheinung von Gitarrist Mick Thompson, Shawn "Clown" Crahan als verrückter Percussionist auf Hydraulik-Trommeln oder Joey Jordison mit seinen Krallenhandschuhen: Der Liveauftritt ist es wert, jede einzelne Sekunde lang gebannt auf den Bildschirm zu starren und die Energie in sich aufzusaugen. SLIPKNOT geben Gas und haben sichtbar Spaß, vor so vielen Leuten zu spielen, sind aber auch routiniert genug, sich von der beeindruckenden Kulisse nicht vom Spielen ablenken zu lassen. Corey Taylor ist zu einem wirklich klasse Sänger geworden, allerdings bekommt er die aggressiven Parts in älteren Songs wie "Wait And Bleed" und "Spit It Out" leider nicht mehr ganz so gut hin. Der Ton ist schön live und ausgewogen (beachtlich, wie viele Leute tatsächlich die SLIPKNOT-Songs mitsingen), das Bild gut, variabel und nicht zu schnell geschnitten. Gerade zu Beginn wurde sehr darauf geachtet, Paul Gray oft dabei zu zeigen, wie er vielleicht nicht gerade virtuos, aber effektiv und überzeugend die Saiten seines Basses zupft oder hadbangt. Man merkt, dass "(sic)nesses" einen Tribut an den Mann am Viersaiter darstellt, zumal es einer der letzten großen Auftritte mit Gray überhaupt war. Und es war eine wirklich überzeugende Performance, deren emotionaler Gehalt vor allem unter den gegebenen Umständen sehr hoch ist.

DVD zwei, "Audible Visions Of (sic)nesses" betitelt, ist zwar wesentlich unspannender, vor allem für Maggots aber sicherlich interessant. Als Doku kann man den 45-minütigen, wie gewohnt von Shawn Crahan konzipierten "Film" zwar nicht bezeichnen, neben verwackelten, krachigen Handkamera-Ansichten von und auf der Bühne gibt es aber eine Hand voll sehenswerter Backstageszenen zu sehen, beispielsweise die letzten drei Minuten, bevor die Band auf die Bühne geht. Ansonsten sieht der Film zmindest für Nicht-SLIPKNOT-Vollblutmaniacs eher nach einer willkürlichen Aneinanderreihung von seltsamen Bildern, Behind The Scenes-Aufnahmen, Albereien und Szenen von verschiedenen Gigs aus. Unter diesem Aspekt ist die zweite DVD vielleicht am ehesten als Bonus zu sehen.

Für diejenige, die einen der letzten, großartig in Bild und Ton festgehaltenen Auftritte mit Paul Gray vor einer Menge Zuschauern sehen möchten und es zudem verpasst haben, SLIPKNOT letztes Jahr live zu sehen, gibt es keine Alternative zu "(sic)nesses".