Island - s/t Tipp




Stil (Spielzeit):
Avantgarde / Post-Rock  (56:56)
Label/Vertrieb (VÖ): Vendlus Rec. / Zeitgeister MD (22.02.10)
Bewertung: 8,5/10

Link: Myspace
Dass die Zeitgeister um Florian Toyka und Christian Kolf vor allem echte Freigeister, folglich abseits jeglichen Zeitgeists sind, belegen sie mit all ihren Bands / Projekten: Ob Doom, ob Death, Black… jedes Mal sprengen sie die genretypischen Grenzen. Der Liebhaber von KLABAUTAMANN & Co. weiß, was ich meine u. ist auf Überraschungen gefasst.

Das Zweitwerk ihrer Dritt- bzw. Viertband ISLAND macht da keine Ausnahme. Wobei  diesmal keine überraschenden, „artfremden“ Passagen gemeint sind; diesmal ist gleich das ganze Album eine einzige Überraschung. Aus ISLAND, jener pro- & aggressiven Death Metal Band mit atmosphärischen Post-Rock Spielereien (die andernorts Vergleiche mit ISIS oder OPETH provoziert hatten) ist nämlich eine Post-Rock / Avantgarde-Rock Band mit einer vereinzelten (Death) Metall-Intarsie geworden. Aus hart mach zart oder so.

Wer „Orakel“ schätzte und nun ein dauerhaftes Auswimpen wie z.B. bei ANATHEMA fürchtet, kann entspannt bleiben: die nächste EP lauert bereits in der Pipeline und die Aufnahmen für’s kommende Album sind in vollem Gange… [Auf beiden rührt Gründungsmitglied Patrick Schroeder wieder in den Töpfen, der auf „Island“ durch einen Jazz-Drummer (Rafael Calman) ersetzt worden war…] In Zukunft wird’s also wieder heavy und macht Ramm-Bamm.

Aktuell macht’s aber nun mal eher Plimm-Plimm. Is’ aber nicht schlimm. Denn dass die beiden es wirklich drauf haben, auch mit ruhigen Tönen zu reüssieren, weiß man ja. Und tatsächlich mutet das Album an, als hätte Herr K. sich nicht entschließen können: sind dass nun eher Nummern für GRÜNEWALD oder WOBURN HOUSE? Herr T. dazu: Hmm, weiß auch nicht, wird aber mal Zeit für ein neues Album von ISLAND.  Und um die Verwirrung komplett zu machen, nennen wir es wie das zweite Demo, von dem wir natürlich kein Stück verwenden! --- So könnt’s gewesen sein. Tatsache ist:

Wir haben es mit überwiegend dezenten Klängen aus dem sog. Post-Rockbereich zu tun, die recht geschmeidig jene relaxte Melancholie verbreiten, die ---hierin ANATHEMA nun doch ähnlich--- gern nach PINK FLOYD klingt... mit Klanggebilden, die auf mich beinah weniger wie Songs wirken, als vielmehr wie an- und abschwellende Atmosphärenwellen. Leicht psychedelisch. Minimal angejazzt. Vor allem aber mit sehr eleganter und erwachsener Gitarrenarbeit. Wie üblich für die Zeitgeister haben die Nummern eine angenehme Länge und frönen der unzeitgemäßen Lust an Rezitativen und Variationen. 

Als besonders geglückt empfinde ich die gelegentlichen Einätze von Clemens Toyka, der mit Posaune, Waldhorn und anderem Messinggerät das Klang- / Atmosphärenspektrum erweitert. Nötig hat die Scheibe das prinzipiell nicht; und doch, die wenigen Einsätze sind bei aller Hintergründigkeit sehr tragend. Gern mehr davon. („Harbour“ z.B. ist ohnehin eine tolle Nummer, aber durch das Gebläse wird sie beinahe genial). Auch schön und songdienlich: das manchmal swingende, manchmal dezent frickelige Drumming, das aber keinen Moment zu jazzlastig / selbstverliebt wird. Wie bei dem stimmungs- und phantasievollen Gitarrenspiel sind hier viele hübsche Details auszumachen.

Und erstmals habe ich auch mal so was von gar nichts an Christians Klargesang auszusetzen. Im Gegenteil: Von der melancholischen Farbe seiner Stimme bei „Mistral“ bin ich geradezu begeistert… (oder ist das doch Florian?). Ansonsten steht er sehr solide seinen Mann … und einmal(!) bei dem einzigen leicht corigen Part (in „Origin“), da lässt Man(n) die wütende Sau raus, und erinnert uns, dass ISLAND „eigentlich“ `ne Metal-Band sind.

Fazit: Handschrift zwar erkannt; Überraschung dennoch gelungen! So sehr, dass ich trotz Scheuklappen aus Metall der bereits orakelten Rückbesinnung auf „Orakel“ fast skeptisch entgegensehe. Denn zum clichéfreien Abtauchen ist „Island“ hervorragend geeignet. Besser noch, weil konsequenter als z. B. die letzte WOBURN HOUSE. --- Sicher nichts für Ungeduldige und Schreddersüchtige. 

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