Blind Guardian - Beyond The Red Mirror Tipp

Blind Guardian - Beyond The Red Mirror
BLIND GUARDIAN-Fans müssen einen sehr langen Geduldsfaden haben. Das seit Jahren versprochene Orchesterwerk lässt weiterhin auf sich warten, Live-Auftritte waren in der letzten Zeit rar, und der Release des letzten Albums "At The Edge Of Time" liegt auch schon fünf Jahre zurück. Anfang 2015 hat das lange Warten endlich ein Ende: Mit "Beyond The Red Mirror" veröffentlicht die deutsche Power Metal-Institution ihr langersehntes zehntes Studiowerk.

Kurz vor Veröffentlichung gaben die Krefelder, die Jahre lang ohne festen Bassisten im Studio waren, die Verpflichtung eines neuen Viersaiters bekannt: Barend Curbois wird nicht nur mit BLIND GUARDIAN auf Tour gehen, sondern hat den Bass auch auf "Beyond The Red Mirror" bedient. Von seinem Spiel hört man freilich nicht allzu viel, denn das Quartett hat für seinen vielschichtigen Sound noch mehr Spuren benötigt als in der Vergangenheit. Auf "At The Edge Of Time" war bereits zum ersten Mal ein richtiges Orchester zu hören. Auf "Beyond The Red Mirror" sind es zwei. Dazu gesellen sich gleich drei große Chöre aus Prag, Budapest und Boston. Understatement war eben noch die das Ding der Herren Kürsch, Olbrich, Siepen, Ehmke und neuerdings Curbois.

Die erste Frage, die sich nach dem zaghaften Entdecken des auf eine Stunde komprimierten Klangkosmos' der Fantasy-Metaller stellt, ist dann auch: Wie zur Hölle wollen BLIND GUARDIAN einen solch überbordenden Detailreichtum, diese unglaubliche Vielschichtigkeit eigentlich auf die Bühne transportieren? Dass man einer BLIND GUARDIAN-Platte Zeit zum Entfalten geben muss, sollte eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Im Gegensatz zum - von den orchestralen Ausnahmen abgesehen - ziemlich direkten "At The Edge Of Time" kann man bei den ersten Durchgängen der neuen Scheibe aber nur bestimmte Strukturen, wenige Refrains und Melodien festhalten - keine kompletten Songs, schon gar nicht die beiden Neuneinhalbminüter "The Ninth Wave" und "The Grand Parade", die als Opener und Abschluss das bislang anspruchsvollste Werk der Fantasy-Metaller aus Krefeld einrahmen. Den letzten Song bezeichnet Andre Olbrich sogar als besten Song, den die Band je aufgenommen hat.

Es wird sicher noch viele, viele Durchläufe brauchen, um sich ein eigenes Urteil über diese Aussage bilden zu können. Fest steht: Hat man einmal einen Einstieg gefunden und den bombastischen, QUEEN-artigen Chorus als Fixpunkt ausgemacht, warten in den neueinhalb Minuten des Songs so viele Melodien, Twists, Spielereien auf einen, wie sie andere Bands ihre gesamte Karriere lang nicht auf einer Albumlänge präsentieren können. BLIND GUARDIAN ziehen hier tatsächlich alle Register, und nach welchen Superlativen man auch sucht: Es ist nicht so, als dass sie einem ausgehen würden - man findet erst keine. "Majestätisch", "atemberaubend" und "grandios" sind nicht nur auf das epische, dramatische "The Grand Parade" bezogen heillose Untertreibungen.

Der zweite, "Beyond The Red Mirror" eröffnende Longtrack "The Ninth Wave" nimmt den Hörer mit Mönchschören und unheimlich fetten, extrem tief gestimmten Gitarren mit auf eine düstere Reise, die ähnlich komplex erscheint. Mit "Twilight Of The Gods" (Doublebass, prägnante Leads, mehrstimmige Gesänge, Ohrwurm-Refrain), das nach dieser vielschichtigen Achterbahnfahrt das rettende Ufer in Form eines recht typischen BLIND GUARDIAN-Songs nach bekanntem Schema auf den Hörer wartet, sorgt beim ersten Hören für Dankbarkeit. Zu Beginn des Songs überraschen die Krefelder sogar mit dezent an "Fly" erinnernden, modernen Sounds, die sich auch in dem Gänsehaut-Opus "A Sacred Mind" finden, das sich nach knapp anderthalb Minuten zu einer typischen, detailreichen Doublebass-Granate mit Gänsehaut-Garantie entwickelt.

BLIND GUARDIAN sind auch auf ihrem zehnten Longplayer für zahlreiche Überraschungen gut. "Ashes Of Eternity" zum Beispiel ist - abgesehen vom Ende - eine brettharte Nummer mit zackigen, fast schon thrashigen Riffs und ohne Orchester-Bombast, was vor allem Altfans zufrieden stellen dürfte. Auch das pfeilschnelle, mit einem Gänsehaut-Refrain versehene "The Holy Grail" erinnert deutlich an frühere Zeiten und könnte auf "Imaginations From The Other Side", vielleicht sogar auf "Tales From The Twilight World" stehen. Und auch eine Ballade darf auf "Beyond The Red Mirror" nicht fehlen: Das melancholische "Miracle Machine" atmet, wie auch einige andere Kompositionen des Albums, mit seinem Pianospiel, verspieltem Refrain und mehrstimmigen Gesängen den Geist alter QUEEN-Tage.

Den Spirit alter BLIND GUARDIAN-Tage versprühen die flotten, nicht ganz so pompösen Nummern am deutlichsten. Gleichzeitig heben sich die Krefelder mit Orchester-Pomp, stark progressiven Strukturen und unzähligen Spuren auf ein neues Level, von dem man dachte, dass es bereits mit "A Night At The Opera" oder "A Twist In The Myth" erreicht sein müsste. Anhänger von Hansis Lyrics wird es freuen, dass die Story von "Imaginations From The Other Side" fortgeführt wird, und manche Momente sogar ein ganz klein wenig an die Songs des 1995 erschienenen Albums erinnern.

Verspielt, tiefgründig, bombastisch, zugleich melodisch, eingängig, rifflastig: Der zehnte BLIND GUARDIAN-Streich ist ein unglaublich komplexes Werk, bei dem sich mit jedem Durchgang neue Details entlocken lassen - sei es ein orchestrales Detail, ein spezielles Riff oder eine Gesangsharmonie, die man bei einem der zahlreichen Durchläufe zuvor nicht wahrgenommen hat. Damit ist "Beyond The Red Mirror" für mich nicht nur eines der stärksten BLIND GUARDIAN-Alben überhaupt, sondern bereits jetzt eine der besten Veröffentlichungen des noch jungen Jahres 2015.

Glaubt ihr nicht? Dann gebt euch "Beyond The Red Mirror" im Komplettstream:

Mehr Progressive Metal Reviews