Nightwish - Imaginaerum Tipp

nightwish-imaginaerum

Stil/Spielzeit: epischer, bombastischer Symphonic Metal (74:56)
Label/Vertrieb (VÖ): Nuclear Blast (02.12.2011)
Bewertung: 9,5/ 10

nightwish.com

Wer einen millionenschweren Film und einen dazugehörigen Soundtrack plant, muss größenwahnsinnig sein - oder ganz schön dicke Eier haben. Captain Jack Sparrow-Lookalike Tuomas Holopainen, Keyoarder, Komponist und Chef von NIGHTWISH, hat vermutlich beides. Anders ist nicht zu erklären, dass die Finnen mit "Imaginaerum" einmal mehr eine beinahe ebenso perfekte Demonstration des symphonischen, opulent orchestrierten Metal veröffentlichen wie mit dem 2007er Meisterwerk "Dark Passion Play".

Mit der mittlerweile gar nicht mehr so neuen Sängerin Anette Olzon und der sehr symphonischen Ausrichtung des Vorgängers hat sich Holopainen nicht nur Freunde gemacht. Das dominante Orchester, Chöre und zuckersüße Melodien nahmen vielen Altfans den Spaß an NIGHTWISH, viele sahen in Olzon das vorherige Alleinstellungsmerkmal der Band, nämlich die Opernvocals von Tarja Turunen, zerstört. Tatsächlich verfügt Olzen über eine komplett andere Stimme, die jedoch sehr gut zu den "Dark Passion Play"-Songs passte. Erst mit den Kompositionen auf "Imaginaerum" scheint sich jedoch das volle Potenzial der hübschen Schwedin zu entfalten. Das wird über die gesamte Albumlänge deutlich: Mit beeindruckender Leichtigkeit wechselt die Sängerin zwischen aggressiv-manischen, mädchenhaften und erotisch-einschmeichelnden Vocals. Die Schwedin holt alles aus ihrer Stimme heraus, was an Kraft, Zerbrechlichkeit und Gefühl möglich ist. Doch ihr Gesang ist nur ein teil des Ganzen, das "Imaginaerum" ausmacht. Nicht weniger wichtig ist die Musik an sich – und die reißt sämtliche Grenzen ein, die sich NIGHTWISH jemals bewusst oder unbewusst auferlegt haben.

Angefangen bei der von Marco Hietala wunderschön auf Finnisch gesungenen Intro "Taikatalvi" bis zum instrumentalen Titelsong, der als Abschluss wichtige, aber nicht alle Motive des Albums noch einmal als orchestrales Medley präsentiert, ist "Imaginaerum" eine spannende, weitaus komplexere Reise als "Dark Passion Play", die jedoch selbst Anhänger des letzten Albums einige Male vor Probleme stellen könnte. Doch der Reihe nach, denn die ideenreichen Songs sind es mehr als wert, einzeln betrachtet zu werden, selbst wenn zehn Seiten nicht ausreichen würden, um sämtliche Details darzulegen. Nach "Taikatalvi" folgt "Storytime", die erste, eingängige Single, die auch dem Album-Vorgänger sehr gut zu Gesicht gestanden hätte und ein typischer Grower ist, gefolgt von dem düsteren, harten und komplexen "Ghost River", in dem sich Marco Hietala an den Vocals und Emppu Vuorinen mit kräftigen Riffs austoben dürfen. Es folgt die erste faustdicke Überraschung des Albums: "Slow, Love, Slow" ist eine wunderbar entspannte, atmosphärische Bar Jazz-Nummer, die völlig untypisch für eine Band wie NIGHTWISH ist, aber trotzdem (oder gerade deshalb) prächtig funktioniert und Anette Olzon mit ihren lasziven, einschmeichelnden Vocals in ein hell, ein sehr hell scheinendes Licht rückt.

Mit dem hochmelodischen "I Want My Tears Back", dessen Chorus bereits zu Beginn des Songs geschmettert wird, folgt eine schnellere Nummer mit hohem Folk-Anteil. Die folgende, schaurig-schöne Zirkusnummer "Scaretale" bringt die Essenz von "Imaginaerum" treffend auf den Punkt: Die verstörende, bedrohliche und zugleich sinnliche Atmosphäre ("Burlesque" kommt einem in den Sinn), großer Orchesterbombast, harte Riffs und die verrückten, mit einem boshaften Grinsen eingesungenen Vocals vermengen sich zu einem wahnsinnigen Track, den man erst einmal verdauen muss. Mit dem knapp dreiminütigem, seinem Namen alle Ehre machenden Orchester-Instrumental "Arabesque" wird der Hörer weiter gefordert, bevor die schöne Ballade "Turn Loose The Mermaids" wieder deutlich mehr nach NIGHTWISH klingt. Mit seiner Western-artigen, gepfiffenen Melodie sorgt auch dieser Song für ganz neue Details im bekannten Soundkosmos der Finnen.

Mit einer ungemein dichten Stimmung ist "Rest Calm" eine der beeindruckendsten Nummern des ALbums. Harte, dramatische Strophen sorgen für klingelnde Ohren, die Erlösung kommt in Form des höchst eingängigen, berührenden Refrains, der mit seiner sanften Melodie nur als überirdisch schön bezeichnet werden kann und perfekt zum Songtitel passt. Gegen Ende nimmt ein zerbrechlicher Kinderchor den Refrain auf (einer der emotionalsten Momente des gesamten Albums), der mit viel Bombast zu einem NIGHTWISH-typischen Ende gebracht wird. Mit "The Crow, The Owld And The Dove" wird dem Hörer erneut ein ruhiges, verträumtes Stück präsentiert, dem sich mit der abwechslungsreichen Achterbahnfahrt "Last Ride Of The Day" ein Song in bester NIGHTWISH-Tradition anschließt, dessen Chorus sich bereits nach einmaligem Hören unwiderruflich in die Lauscher brennt.

Der einmal mehr dramatisch aufgebaute und dick orchestrierte "Song Of Myself" ist dann mit 13 ½ Minuten Spielzeit der Longtrack des Albums, pompös, verspielt und episch. Die zweite Hälfte besteht aus einer ruhigen Instrumentierung inklusive sanftem Gitrarrensolo, das den Grund für Spoken Words-Passagen verschiedener Charaktere darstellt. Das klingt gewöhnungsbedürftig, passt aber zur Stimmung des Songs und entlässt den Hörer zusammen mit dem orchestralen Titelsong, bei dem Holopainen dem Dirigenten Pip Williams freie Hand gelassen hat, ruhig aus einem Album voll altbewährter, liebgewonnener Stilelemnte und überraschender, neuer Details.

"Imaginaerum" ist ein forderndes Album, keine Frage. Manche werden es als schwierig bezeichnen, doch mit ein wenig Zeit und Konzentration nimmt es den Hörer mit auf eine wunderschöne Achterbahnfahrt mit melodischen Höhen und aggressiven Tiefen. Die höhere Dichte an Balladen schließt härtere Passagen als auf "Dark Passion Play" ganz und gar nicht aus, trotz noch prägnanterer Anlehnung an Filmsoundtracks verkommt die Band nicht bloß zur Orchester-Begleitung. Bisher noch nicht gehörte Stilelemente ergänzen das Klangbild NIGHTWISHs und beweisen, dass Holopainen ein wahrer Virtuose mit einem Händchen für anspruchsvolle und zugleich melodische Kompositionen ist. Die Produktion ist wie erwartet raumgreifend, drückend und direkt ausgefallen. Orchester und Band gehen eine wunderbare Symbiose ein, der zu lauschen ein wahrer Genuss ist.

Selbst wenn mir der Vorgänger (noch) eine Winzigkeit besser gefällt: "Imaginaerum" funktioniert als eigenständiges Werk und wie von Holopainen gedacht auch ohne Film ganz wunderbar, sofern man an "Dark Passion Play" und "Once" seine Freude hatte. Sehr empfehlenswert ist der Kauf der Limited Edition, die im schicken Digipack auf einer zweiten CD sämtliche Songs als Instrumentalversionen beinhaltet. Hut ab, Maestro Holopainen, Hut ab!