Opeth - Heritage

opeth heritage

Stil (Spielzeit): Progressive/Psychedelic Rock (57:01)
Label/Vertrieb (VÖ): Roadrunner Records (16.09.11)
Bewertung: 7,5/10
opeth.com

Meine Fresse, ganz schön verschroben, die neue OPETH-Scheibe. Auf "Heritage" bedienen sich die vier Schweden (mittlerweile ja ohne Keyboarder Per Wilberg, der auf dem Oldschool-Cover passenderweise vom Baum fällt) aus dem Classic Rock der Siebziger, Progressive Rock, Jazz und Psychedelic. Keine Spur mehr von Death Metal, keine Growls, dafür ein höchst authentischer, warmer Analog-Klang, Akerfeldt in gesanglicher Bestform, verrückte Songs, schöne Melodien – und jede Menge Kopfarbeit, mit der auch nach dem zehnten oder 15. Hören noch lange nicht Schluss ist.

Am schnellsten geht noch das erstklassige "The Devil's Orchard" ins Ohr, vielleicht, weil der Song schon einige Wochen vorab zu hören war und man sich länger mit ihm beschäftigen konnte, ohne den Albumkontext auf sich wirken zu lassen. Doch auch so scheint "The Devil's Orchard" trotz vieler Schlenker, instrumentaler Jazz-Passagen im Innenteil und fehlendem Refrain einer der leichter zugänglichen Songs auf "Heritage" zu sein. OPETH-Alben haben zwar schon immer eine gewisse Zeit gebraucht, um völlig erschlossen zu werden, doch auf ihrem zehnten Studioalbum klingen die Schweden so komplex wie nie zuvor. "I Feel The Dark", das mit gezupften Gitarren und eindringlichem Akerfeldt-Gesang beginnt und sich ab der Hälfte der Spielzeit zu einer verschachtelten Nummer entwickelt, braucht da schon mehr Mühe und Hirnschmalz, lohnt aber die Mühe und zündet irgendwann. Glücklicherweise ist ein kurzer, knackiger Song wie das hektische "Slither" ebenfalls vertreten, um den Kopf frei zu machen, bis der nächste Track zu knacken ist: "Nepenthe", ein sehr jazzig angehauchter, zurückhaltender Song (leise Drums waren noch nie so laut), der weitestgehend ohne verzerrte Gitarren auskommt und extrem mit der Laut-Leise-Dynamik spielt. Auch "Häxprocess" ist erstmal nichts anderes als reiner Jazz-Prog und lässt Akerfeldt nur von einem Mellotron begleitet singen, bevor eine Akustikgitarre einen etwas flotteren Part anstimmt, in den auch Bass und Drums einsteigen. Das gefühlvolle Solo am Ende kommt dann überraschend, ist aber sehr hörenswert.

"Famine", acht Minuten lang, beginnt mit Ethno-Sounds, bevor Pianoklänge ertönen und tatsächlich wieder mal verzerrte Gitarren über einem warmen Bass- und Keyboard-Teppich erklingen. Die Atmosphäre des Songs ist ein wenig gruselig und bedrohlich, es wird sogar richtig heavy mit stampfenden, doomigen Riffs. Deutlich leichter zugänglich ist "The Lines In My Hand", das keine vier Minuten dauert, eingängige Bassläufe wie auch wunderschöne Gitarrenharmonien beinhaltet und nach einem Tempowechsel richtig flott wird. Mit seiner Stimmung, den träumerischen Melodien und seiner einigermaßen gut nachvollziehbaren Songstruktur stellt "Folklore" für mich eine der besten Nummern auf "Heritage" dar, vor allem in den letzten 2 ½ Minuten - eine der wenigen Passagen, bei der man sofort mit dem Kopf schütteln muss und von den Gitarren gefangen genommen wird. So, wie "Heritage" beginnt, nämlich mit einer instrumentalen Einleitung, endet das Album dann auch: mit der diesmal vierminütigen Instrumentalnummer, "Marrow Of The Earth", die einen durchatmen und wieder zu Sinnen kommen lässt. Eine wunderschöne, schwebende Komposition, vollgepackt mit traumhaften Harmonien.

Nein, weder dem Hardcore-Fan noch dem Gelegenheitshörer machen es OPETH leicht. "Heritage" klingt mit Ausnahme von wenigen Passagen auf "Watershed" anders als alles, was die Schweden bisher aufgenommen haben. Die tief gestimmten, wuchtigen Gitarren sind akustischem Gezupfe und warmen, groovigen Riffs gewichen, Keyboards, Drums und Bass klingen überraschend dominant. Ich bin mir nicht sicher, ob der ohne Zweifel mutige Schritt Akerfeldts, sich von beinahe sämtlichen Trademarks vorheriger OPETH-Veröffentlichungen zu verabschieden, der richtige war oder ob ich einfach noch mehr Durchgänge brauche, damit sich mir die von anderen Schreibern oft angepriesene übermenschliche Genialität dieses Werkes erschließt. Akerfeldt ist ein Visionär, das auf jeden Fall, doch auf "Heritage" finden sich neben zahlreichen großartigen Momenten auch ungewöhnlich viele Passagen, die schwer bis gar nicht zugänglich sind oder dem Hörer nur Schulterzucken abgewinnen. Und das ist trotz der schon seit Anfang der Bandgeschichte vorherrschenden Komplexität und Progressivität etwas, das auf "Heritage" ebenfalls Premiere feiert – leider.